Simulation: Was die Fällung großer, alter Bäume für die Zukunft der Städte bedeutet
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Das mag wie ein extremes Experiment klingen, aber es wurde etwas simuliert, das Städte tatsächlich tun: Sehr oft werden große, gesunde Bäume in städtischen Gebieten gefällt, wenn sie ein kleines Problem verursachen oder wenn sie Bauprojekten im Weg stehen. Die Bäume werden zwar in der Regel ersetzt – aber meist durch ein sehr kleines, nur wenige Jahre altes Bäumchen.
Der Verlust an Schatten und Kühlung, den die Fällung des alten Baums nach sich zieht, wird daher erst in dreißig Jahren wirklich „ersetzt”. Doch auch das ist nur der Fall, wenn der Baum so lange überlebt. Das ist allerdings nicht einfach für junge Bäume, da Städte aufgrund der Klimaerwärmung und erst recht bei steigender Versiegelung immer heißer werden.
Modell errechnet Entwicklung der Baumkronen nach Fällung
Das Forschungsteam wollte verstehen, was passiert, wenn diese Art von „Ersatz” in einer Stadt häufig oder sehr häufig vorkommt. „Stellen Sie sich das Problem einmal so vor: Wie viele Tage könnten Sie 100 Euro verlieren, aber nur 20 Cent finden, bevor Sie Geldprobleme bekämen? Das gleiche gilt für Bäume, nur dass dieses Szenario bei unseren Straßenbäumen tatsächlich eintritt“, erklärt Prof. Wolfgang Weisser von der Technischen Universität München (TUM) in Freising-Weihenstephan.
Das von der TUM zusammen mit der RMIT entwickelte Modell nutzt realistische Wachstumsdaten und Verteilungen von Bäumen nach Alter in einer Stadt. Daraus errechnet das Modell, wie sich die Entfernung und der Ersatz von Bäumen auf die gesamte Baumkronenbedeckung einer Stadt auswirkt. Da Hitzewellen Europa immer stärker heimsuchen, gilt es als allgemeines Ziel, eine Baumkronenbedeckung von etwa 30 Prozent zu erreichen, um die schlimmsten Auswirkungen zu vermeiden. Doch können Städte diesen Wert erreichen, wenn sie ihre besten Bäume gegen Jungbäume austauschen?
Neupflanzungen kompensieren Fällungen alter Bäume nicht annähernd
Das Forschungsteam hat herausgefunden, dass die Kronenbedeckung unweigerlich zurückgeht, wenn Städte ihre großen Bäume fällen und durch kleine Neupflanzungen ersetzen. Der Rückgang tritt auch dann ein, wenn große Bäume nur in geringem Umfang beseitigt werden und die anderen Bäume weiterwachsen. Der Forscher Dr. Thami Croeser, der das Projekt als Partnerschaft zwischen der australischen Universität RMIT und der TUM leitete, war überrascht, wie unerbittlich die Zahlen waren.
„Es dauert eine Generation, bis diese großen Verluste wieder ausgeglichen sind, daher dürfen sie nicht zu oft vorkommen. Selbst wenn jährlich nur 3 % der ausgewachsenen Bäume verloren gehen, wird es für die meisten Städte sehr schwierig, bis 2050 einen sicheren Baumkronendachanteil zu erreichen“, sagt Dr. Thami Croesner.
Zu viele Baumfällungen aus nichtigen Gründen?
Professor Wolfgang W. Weisser vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM sieht Handlungsbedarf bei der Haftung der Baumeigentümer und der Akzeptanz von Gefahren: „Baumgutachter sind generell sehr vorsichtig, da sie für alle später auftretenden Probleme verantwortlich gemacht werden können und empfehlen daher im Zweifelsfall lieber eine Fällung. Zudem werden sie oft von Kunden bezahlt, die Bäume entfernen lassen möchten, und dies führt zwangsläufig zu beruflichen Konflikten. Auch Architekten und Stadtplaner beziehen Bestandsbäume selten in ihre Planungen ein und tun so, als ob es in einem Projektgebiet keine Bäume gibt.“
Und weiter: „Schließlich sind auch die Genehmigungsbehörden zu schnell bereit, eine Fällung zu genehmigen. All dies führt zu einem hohen Verlust von alten Bäumen in unseren Städten, der aufgrund der zunehmenden Verdichtung der Städte immer höher wird. Ohne eine bessere Planung der Städte, wie sie ihre alten Bäume erhalten wollen und wie sie sicherstellen, dass die Bäume älter werden können, indem sie ihnen z.B. mehr Platz geben, wird sich die Situation nicht ändern. Dazu wird es auch notwendig sein, Wasser-, Strom-, Telefon- und Abwasserleitungen in Zukunft deutlich besser zu planen und die Leitungen zu bündeln und nicht wild und unkoordiniert in den Straßen zu verlegen.“
Die gemeinsame Studie der TUM und der RMIT bietet wichtige Erkenntnisse für die Zukunft Münchens und anderer Städte weltweit. Das Pflanzen von Bäumen wird immer beliebter, doch der Schutz bereits vorhandener Bäume ist ebenso wichtig.
Weitere Informationen
Die Visualisierungen der Simulationen finden Sie im Beitrag: Der hohe Wert alter Bäume für die Stadt (Link zum Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TUM School of Life Sciences)
Originalstudie: Thami Croesner, Wolfgang Weisser et al.: Defining ‘adequate’ tree protection: Meeting urban canopy targets requires careful retention of mature trees. In: Landscape and Urban Planning, Vol. 264, 2025. doi.org/10.1016/j.landurbplan.2025.105484
Weitere Studie der TUM über Stadtbäume (2026): Klimawirkung der Stadtvegetation erstmals im Detail sichtbar: Stadtbäume können im Sommer mehr CO₂ aufnehmen als Autos ausstoßen