Wildbienen, Falter und Käfer: kleine Bestäuber, große Bedeutung für Europa
Forschung |
Raus aus der Nische: Bestäuber als EU-weites Querschnittsthema
Das White Paper „Towards pollinator stewardship in all policies“ zeigt, dass politische Zielkonflikte und eine mangelnde Abstimmung zwischen EU-Politikfeldern zentrale Hindernisse für den Schutz und die Erholung von Bestäuberpopulationen in Europa sind. „Bestäuber wie Bienen sind ein anschauliches Beispiel dafür, dass funktionierende Ökosysteme angesichts des globalen Wandels für alle Gesellschaftsbereiche zentral sind. Die Biodiversität in solchen Systemen wirkt wie ein Portfolio – als Absicherung gegen Krisen“, erläutert Sara Leonhardt, Professorin für Plant-Insect Interactions an der TUM in Freising. Bestäuber werden bislang allerdings vor allem als Thema der Umwelt- oder Agrarpolitik behandelt. Die Autorinnen und Autoren plädieren daher für „Pollinator Stewardship“: eine gemeinsame Verantwortung für Bestäuber, ihre Lebensräume und die nachhaltige Nutzung ihrer Leistungen in allen relevanten EU-Politikbereichen.
Kleine Tiere, große Wirkung
Bestäuber sichern nicht nur landwirtschaftliche Erträge. Sie tragen auch zur Ernährungssicherheit, zur Qualität von Lebensmitteln, zur Gesundheit des Menschen, zur Stabilität von Ökosystemen, zur Wirtschaftskraft und zu funktionierenden Lieferketten bei. Dieser Blick passt zum One-Health-Ansatz der TUM School of Life Sciences, der die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen, Mikroorganismen, Böden und Umwelt zusammendenkt.
„Die Vielfalt an Bestäubern ist ein kritischer Pfeiler unserer Gesellschaft“, sagt Prof. Dr. Sara Diana Leonhardt. „Wenn wir Bestäuber und damit ihre Rolle in Ökosystemen schützen wollen, reicht es nicht, einzelne Blühstreifen anzulegen oder einzelne Pestizide zu regulieren. Wir müssen die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitdenken und publik machen, sodass Bestäuber ebenso wie andere wichtige Akteure in unseren Ökosystemen in allen Entscheidungen berücksichtigt werden.“
Bedroht von vielen Seiten
Europa ist reich an Wildbestäubern wie Wildbienen, Schwebfliegen, Schmetterlingen, Nachtfaltern und Käfern. Viele dieser Arten kommen ausschließlich oder überwiegend in Europa vor und sind teils stark bedroht. Zu den Belastungen zählen der Landnutzungswandel, nicht nachhaltige land- und forstwirtschaftliche Praktiken, Pestizide, weitere chemische Schadstoffe, Klimawandel, Lichtverschmutzung, übermäßige Stickstoffeinträge sowie der Verlust geeigneter Lebensräume, Nahrungs- und Nistressourcen.
Was die EU jetzt tun muss
Aus Sicht der Autorinnen und Autoren braucht es einen gemeinsamen EU-weiten Ansatz von Wissenschaft, Politik, Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, um Bestäuber zu schützen und ihre zentrale Rolle für die Ernährungssicherheit langfristig zu bewahren. Die Empfehlungen setzen nicht nur bei der Behebung einzelner Belastungen an, sondern auch bei den direkten und indirekten Ursachen des Bestäuberrückgangs: Der Schutz der Bestäuber soll in Entscheidungen auf EU-Ebene messbar verankert, Wissen zur Bedeutung von Bestäubern, ihrer Diversität und ihren Funktionen in Bildung und Ausbildung gestärkt und Bestäuberpopulationen besser überwacht werden.
Zudem sollen nicht blühende Ressourcen wie Nistplätze und Larvenlebensräume stärker berücksichtigt, Risiken durch Pestizide und andere Chemikalien reduziert und nach der Zulassung überwacht werden. Es braucht Anreize, gut aufbereitetes Wissen sowie eine Abwägung von Synergien und Zielkonflikten zwischen Landwirtschaft, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft für einen funktionierenden Schutz von Bestäubern, ihrer Vielfalt und ihrer Lebensräume.
Bestäuberschutz über Europas Grenzen hinaus
Das White Paper macht außerdem deutlich, dass der Rückgang von Bestäubern eine globale Herausforderung ist. Europäische Ernährungssysteme und Lieferketten hängen auch von bestäubungsabhängigen Pflanzen außerhalb Europas ab. Der Schutz von Bestäubern erfordert daher nicht nur eine besser abgestimmte europäische Politik, sondern auch international koordiniertes Handeln.
Hintergrund
Das White Paper ist ein gemeinsamer Beitrag der Projekte Butterfly, VALOR, PollinERA, WildPosh, AGRI4POL, RestPoll, Safeguard und ProPollSoil. Letzteres wird von Sara Leonhardt koordiniert. Das White Paper fasst wissenschaftliche Erkenntnisse zu Bestäubern, ihren Bedrohungen und politischen Handlungsmöglichkeiten zusammen und formuliert Empfehlungen für eine aufeinander abgestimmte Politik der Europäischen Union zum Schutz und zur Erholung von Bestäuberpopulationen.